Die Herausforderung
Rechtsstreitigkeiten über Berufsunfähigkeit bei ME/CFS folgen eigenen Regeln:
Man verliert diese Verfahren selten, weil der Mandant gesund ist. Man verliert sie, weil die falschen Fragen gestellt werden.
Das größte Risiko ist die medizinische Unsichtbarkeit der Krankheit. Standardbefunde im Ruhezustand sind häufig unauffällig, die Routinediagnostik greift zu kurz.
Entscheidend ist daher, den Blick des gerichtlich bestellten Sachverständigen von starren Laborwerten auf die tatsächliche funktionelle Leistungsfähigkeit im Alltag zu lenken. Im Fokus steht die Post-Exertional Malaise (PEM) – jenes typische, oft um Stunden oder Tage verzögerte Zusammenbrechen nach einer scheinbar normalen Anstrengung. Massive Einbußen der Konzentration („Brain Fog“), schwankende Tagesformen und eine zerstörte Regenerationsfähigkeit lassen sich in einer klassischen Kurzzeituntersuchung nicht abbilden.
Hinzu kommt die Strategie der Versicherer, das organische Leiden als psychische Störung zu bagatellisieren – einer Diffamierung, der von der ersten Minute an mit harter, belastungsmedizinischer Faktenlage begegnet werden muss.
Wer diese Besonderheiten nicht gezielt zum Gegenstand der Beweisaufnahme macht, riskiert am Ende ein Gutachten, das komplett an der Lebenswirklichkeit des Betroffenen vorbeigeht – und damit den Prozess.
Der Fall
In einer solchen Konstellation konnte ich kürzlich einen weiteren erfreulichen Erfolg für einen an ME/CFS Erkrankten erreichen. Das BU-Verfahren lief seit September 2020 und damit seit mehr als fünf Jahren, als mir das Mandat im Dezember 2025 übertragen wurde.
Nach vollständiger Auswertung der umfangreichen Gerichtsakte habe ich den Sach‑ und Streitstand in einem zusammenfassenden Schriftsatz neu geordnet und die Beweisaufnahme konsequent auf die bereits tragfähigen medizinischen Grundlagen und Gutachten ausgerichtet.
Parallel dazu habe ich umgehend den direkten Austausch mit dem Prozessbevollmächtigten der Versicherung gesucht. Auf dieser Basis ließ sich die – inzwischen hochkomplexe und für den Mandanten emotional wie wirtschaftlich belastende – Auseinandersetzung aus der reinen Gutachtenspirale herauslösen und auf eine klare, wirtschaftlich orientierte Verhandlungsebene zurückführen. Innerhalb von knapp drei Monaten konnte so ein Vergleich im deutlich sechsstelligen Bereich erzielt werden, der den langjährigen Rechtsstreit beendete. Für den Mandanten bedeutete dies nicht nur eine substanzielle finanzielle Absicherung, sondern vor allem das Ende eines kräftezehrenden Verfahrens, das ihn über Jahre hinweg begleitet hatte.
Die Strategie
Kern dieser Entwicklung war eine strategische Neuausrichtung nach der Mandatsübernahme.
Anstatt weitere Jahre in zusätzliche Gutachten und Ergänzungsfragen zu investieren, lag der Fokus auf drei Schritten: erstens der präzisen Bündelung des Prozessstoffes in einem klar strukturierten Schriftsatz, zweitens der konsequenten Hervorhebung der für ME/CFS typischen funktionellen Einschränkungen im Lichte der konkreten beruflichen Anforderungen und drittens der frühzeitigen, offenen Risikokommunikation gegenüber der Gegenseite.
So ließ sich deutlich machen, dass ein „Weiter so“ zwar möglich, für die Versicherung aber mit erheblichen Mehrkosten und ungewissem Ausgang verbunden gewesen wäre – während ein klar umrissener Vergleich jetzt Planungssicherheit für beide Seiten bot.
Fazit
Das erzielte Ergebnis zeigt, dass sich auch langwierige und medizinisch komplexe BU‑Verfahren zu einer tragfähigen Lösung führen lassen, wenn medizinische Details, prozessuale Besonderheiten und wirtschaftliche Interessen sauber miteinander verzahnt werden.
Nach über fünf Jahren weitgehendem Stillstand konnte das Verfahren in wenigen Monaten auf eine Einigung hingeführt werden, die dem Mandanten sowohl finanziell als auch persönlich eine deutliche Entlastung gebracht hat – und zugleich ein weiteres Signal dafür setzt, dass ME/CFS‑Betroffene ihre Rechte gegenüber Versicherern erfolgreich durchsetzen können, wenn das Verfahren von Anfang an an den richtigen Fragen ausgerichtet wird.
